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Rezension zu The Act of Killing
In seinem Dokumentarfilm über die blutige Vergangenheit Indonesiens, die bis in die Gegenwart hineinreicht, bietet Joshua Oppenheimer Massenmördern eine Bühne, die Mitte der 1960er Jahre über eine Million Menschen auf brutale Weise umbrachten – vermeintliche Kommunisten, Chinesen und Regimegegner. Die Täter wurden nie zur Rechenschaft gezogen und genießen bis heute privilegierte Stellungen mit Kontakten in die
höchsten Regierungsämter. Ihre Taten waren ein Tabu, jahrzehntelang sprach niemand darüber.
Doch in »The Act of Killing« wird darüber gesprochen – und zwar von den Tätern, offen über ihre eigenen Verbrechen. Sie inszenieren ihre Taten sogar nach. In teilweise ästhetisch überhöhten Szenen zeigen sie ihre Sicht der Dinge. Oppenheimer musste für diese Herangehensweise Kritik einstecken. Die Opfer kämen nicht zu Wort, hieß es bei der Rezeption des Filmes, der übrigens von 74 Nominierungen weltweit 63 Preise gewinnen konnte. In einer Masterclass bei den 55. Nordischen Filmtagen in Lübeck 2013, die vom Haus des Dokumentarfilms unterstützt wurde, erläuterte Oppenheimer die Hintergründe. Seine Versuche, über die Massenmorde einen Film aus der Perspektive der Opfer zu drehen, wurden von den Militärs und der Polizei blockiert. Die Angehörigen der Opfer machten den Regisseur darauf aufmerksam, dass in dem Viertel noch die Täter von damals wohnten. Ohnedies musste Oppenheimer die Namen von vielen Mitgliedern seiner Filmcrew geheim halten – sogar eines Co-Regisseurs. Sie und ihre Familien fürchten noch immer die Rache der Todeskommandos.
Fünf Jahre Recherche und Gespräche mit über 40 Tätern brauchte es, bis Oppenheimer in Anwar Congo, dem Chef einer berüchtigten Todesschwadron, den richtigen Protagonisten fand. Zwei Jahre wurde immer wieder mit ihm gedreht. Oppenheimers Strategie – im Stil des »Cinéma Vérité« – war es, die Täter Ereignisse und Szenen spielen zu lassen. Denn: sie waren Filmliebhaber. So beschäftigten sie sich also intensiv mit ihrer Geschichte – und stellten sich ihr auch. Anwar Congo spielte am Anfang den Coolen, der nach der Re-Inszenierung der Tötung mit Drahtschlinge anfing zu tanzen, zwei Jahre später wurde ihm regelrecht schlecht dabei. Sein Körper reagierte auf die Erinnerung. Die Inszenierung der Realität war wirklicher geworden, als es die Taten für die Männer je waren. Es ist ein Film über einen Mann, der den Worten nicht mehr traut, die er zusammenlügt.
Für Joshua Oppenheimer ist das Böse ein Teil unserer Normalität. Der chronologische Schnitt entspricht einer archäologischen Grabung. Der für Indonesien so br isante Film löste eine immense gesellschaftliche Debatte aus. Das Schweigen war gebrochen. Oppenheimers großes Vorbild Dušan Makavejev nannte den Film »ein absolutes und einzigartiges Meisterwerk«. Errol Morris, der für seine Inszenierungen bekannt ist, bezeichnete ihn als »eine außergewöhnliche Darstellung des Genozids«. Für den Koproduzenten Werner Herzog ist es ein beispielloser Film: »Einen derart kraftvollen, surrealen und erschreckenden Film habe ich seit mindestens einem Jahrzehnt nicht gesehen.« »The Act of Killing« war für den Oscar nominiert und gewann zahllose Auszeichnungen wie 2013 den Europäischen Dokumentarfilmpreis.
14.11.2013
01.11.2012
15.07.2014
