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Rezension zu Das andere Rom
Im Herbst 2013 feierte der italienische Dokumentarfilmregisseur Gianfranco Rosi bei der Filmbiennale in Venedig einen Triumph: Sein Film »Sacro GRA« gewann damals den Goldenen Löwen - eine Auszeichnung, die sonst Filme wie »Monsoon Wedding«, »Brokeback Mountain« oder »The Wrestler« einheimsen. Doch Rosis Erfolg war gar nicht so abwegig: immerhin ist es ein italienischer Film und diese haben immer gute Chancen in Venedig (elf Preise seit 1949) und außerdem ist »Sacro GRA« ein Kuriositätenkabinett, das, wenn man es nicht wüsste, auch als durchaus spinnertes fiktionales Stück bestehen könnte. Jetzt kommt »Sacro GRA« in die deutschen Kinos.
Manchmal findet man die Themen für gute Filme wortwörtlich auf der Straße. Hier ist es die Autostrada A90, eine Ringautobahn, die um Rom herumführt. Ein Monster aus Beton, auf dem sich tagein, tagaus Karossen aus Plastik und Blech ein stinkendes, hupendes Dauerinferno liefern. Doch die Geschichten, die Regisseur Rosi mit dokumentarischen Mitteln einfangen wollte, fand er nicht auf der Piste der A 90, sondern daneben, darüber, in Hör-, Riech- und Sehweite des Moloches.
Dort leben die Menschen, die in »Sacro GRA« ihre fünf Minuten Berühmtheit erlangen. Ein bruddelnder Fischer zum Beispiel, der mit dem Blick ins Wasser die Zusammenhänge der Welt zu erkennen scheint, aber davon nicht einmal seine Frau überzeugen kann. Oder ein reicher Industrieller, der sich in einer goldenen Badewanne filmen lässt. Oder das Kontrastprogramm zum Bürgerlichen vom Straßenstrich der A90. Oder ein Selbstberufener, der Käferlarven in der Rinde von Palmen nachforscht und die kleinen Bohrer mit hochsensiblen Mikros zu enttarnen versucht. Alles schön skurril an der Autostrada. Ein wenig Fellini blitzt da immer wieder einmal auf.
Für Regisseur Rosi war der Sieg in Venedig das Überschreiten einer unsichtbaren Grenze. Er selbst, sagte er bei der Preisverleihung, habe nicht gedacht, den Preis mit einem Dokumentarfilm gewinnen zu können. Oscar-Gewinner Bernardo Bertolucci führte die Jury an. Und die hat nach 15 Jahren eine lange Durststrecke beendet: Erstmals seit 1998 konnte wieder ein italienischer Film den Goldenen Löwen erringen.
So ganz korrekt ist es übrigens nicht, dass »Sacro GRA« der erste Dokumentarfilm ist, der mit den höchsten italienischen Filmehren bedacht wurden. An den Siegerfilm aus dem Jahre 1938 erinnert man sich aber in Italien nicht mehr gerne: damals gewann die deutsche Filmregisseurin Leni Riefenstahl mit ihrem zweiteiligen Dokumentarfilm »Olympia«. Der Preis, den die Filmfestspiele in Venedig damals vergaben, hieß übrigens die Coppa Mussolini. Und wenn wir schon in der Historie fischen: Der letzte deutsche Sieger des Goldenen Löwen war Wim Wenders. Sein Erfolg mit »Der Stand der Dinge« liegt aber nun auch schon 31 Jahre zurück.
26.03.2015
04.09.2013
17.07.2014