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Rezension zu The White Diamond
»Fitzcarraldo«, »Nosferatu« und »Aguirre« – natürlich. Überhaupt die fünf Filme mit Klaus Kinski und dann die Reinigung vom Hass-Zwilling im Dokumentarfilm mit dem wunderschönen Titel »Mein liebster Feind«. Werner Herzogs Filmschaffen wird in Deutschland gerne auf diese Arbeiten reduziert. Ganz anders zum Beispiel in den USA, wo Herzog seit vielen Jahren lebt. Dort schätzt man ihn als einen der größten lebenden Filmregisseure. Berühmt machte ihn dort beispielsweise sein Dokumentarfilm »Grizzly Man«, der von einem selbst ernannten Tierschützer handelt,
der Opfer seiner eigenen Selbstdarstellung wurde. Mit »Tod in Texas« dreht er einen der vielleicht beeindruckendsten Dokumentarfilme über die Todeskandidaten in amerikanischen Gefängnissen und schon im nächsten Moment, so scheint es, lässt er in »Königin der Wüste« die britische Historikerin Gertrude Bell im Körper von Schauspielerin Nicole Kidman auferstehen.
Nun, man kann Werner Herzog nicht nur als fiktionalen Geschichtenerzähler sehen und auch nicht nur als Dokumentaristen. Er ist stets beides, weil er über das Sichtbare hinausdenkt. Er sucht und findet immer wieder Bilder, die mehr sind als »einfach nur real«. Eine solche Szene entstammt seinem Film »The White Diamond«. Der 2004 gemeinsam mit den Heidelberger Naturfilmern Annette und Klaus Scheurich (Marco Polo Film) gedrehte Dokumentarfilm handelt von dem britischen Luftfahrt-Ingenieur Graham Dorrington und seinem kleinen, weißen Heliumballon, mit dem er über den Baumkronen von Guyana aufsteigen will. In einer Szene geht der Ballon kurz auf der Wasseroberfläche eines Flusses nieder. Die Kamera filmt die Berührung des »weißen Diamanten« mit dem Wasser – und plötzlich wird das Spiegelbild des Luftschiffes zu einem Juwel im Wasser. Wie eine seltsames, mystisches U-Boot schwebt das transformierte Gebilde plötzlich in einem ganz anderen Element. Ist es überhaupt
noch ein Ballon, wurde es in ein Wasserwesen transformiert, was ist seine neue Bestimmung, wenn es nun in die Tiefe gleitet, wo es doch eigentlich über den Baumkronen aufsteigen sollte? Für einige herrliche Filmsekunden steht die Welt Kopf. Solche Momente zu entdecken, ist Herzogs künstlerischer Antrieb und seine Gabe zugleich.
Das Bild des weißen Diamanten, der unsere Sinne täuschen kann. In dieser Täuschung – oder auch: in dieser Fata Morgana, um den Titel eines seiner frühen Filme zu nutzen – wohnt die Wahrheit. Der ganze Film, die ganze wissenschaftliche Forschung, die monströse Anstrengung der Planung und der Anreise in den Regenwald scheinen in diesem einen Moment aufgewogen. Die Realität ist in einen Schwebezustand übergegangen. Herzog spricht in solchen Momenten von »Erleuchtung«. Auch er selbst scheint erleuchtet. Fast nebenbei sagt er in seinem Dokumentarfilm »Mein liebster Feind« einen Satz, der diese Männerfreundschaft zweier sich bekämpfender Genies so treffend verdichtet: »Jedes weiße Haar auf meinem Kopf heißt Kinski.«
Herzogs wahnsinnige Bilder sind, so erfunden sie zunächst auch scheinen, real und fiktiv zugleich. Und sie sind auch das Ergebnis einer steten
Bereitschaft, neue Techniken einzusetzen. Darüber berichtet Klaus Scheurich beim allerersten vom Haus des Dokumentarfilms ausgerichteten Branchentreff Dokville 2005. Plastisch schildert der Kameramann, wie die Dreharbeiten zu »The White Diamond« mit Einsatz der damals noch recht neuen HD-Cam-Technik abliefen. Sie fanden innerhalb von knapp vier Wochen im Juli 2004 im südamerikanischen Guyana statt. Klaus Scheurich: »Die bis zu 14-köpfige Filmcrew musste sich im südamerikanischen Dschungel extremen klimatischen Bedingungen anpassen. So war es beispielsweise nur zwischen 6:30 und 9:00 Uhr möglich, aus dem Zeppelin zu drehen, da es nur dann windstill und hell genug war. Zudem drang die enorme Luftfeuchtigkeit, die morgens 100 % erreichte, überall ein. Mit Hilfe eines selbst entwickelten, gasdichten Pelicase- Koffers, in den Heizplatten eingebaut waren, sowie weiteren Hilfsmitteln gelang es uns dennoch, das Equipment trocken zu halten und die Objektive am Beschlagen zu hindern. Tropische Stürme verursachten weitere Probleme. So wurde an einem Tag das Werkstattzelt niedergerissen – der Zeppelin nahm dagegen erstaunlicherweise keinen Schaden.«
Diese Schilderung sagt viel aus über die Hartnäckigkeit, mit der Werner Herzog nach dem richtigen Moment sucht. Da haben sich Herzog und
Kinski nichts geschenkt – und nicht denen, die dabei waren. Auch der Flussdampfer, den Kinski als Fitzcarraldo im gleichnamigen Spielfilm über einen Berg ziehen lässt, hat diesen Berg tatsächlich überquert. Es war ein echtes Schiff auf einem echten Berg. Bei Werner Herzog ist selbst das Erfundene wahr. Andererseits manipuliert er die Realität, er montiert Zitate gegen Bilder, er kommentiert und setzt sich selbst in Szene. Das Dokumentarische eines Werner Herzogs hält all das aus. Denn Herzog zeigt nicht, was man sieht, sondern was ist.
10.03.2005