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Rezension zu Der Perlmuttknopf
Ein Dokumentarfilm im Wettbewerb mit ausschließlich fiktiven Filmen - das war bei der Berlinale 2015 auch für den Filmemacher Patricio Guzmán (u.a. »Nostalgie des Lichts«, »Salvador Allende«) etwas Besonderes. Dass »Der Perlmuttknopf« am Ende sogar mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, war schließlich mehr als nur Anerkennung für einen beeindruckenden, klug erzählten Dokumentarfilm.
Der chilenische Filmemacher Guzmán ist ein Bildpoet. In »Der Perlmuttknopf« schenkt er seinen Zuschauern achtzig Minuten unvorstellbarer Schönheit – aber auch ebenso unvorstellbare Grausamkeit. Dabei beginnt der Film mit eindrucksvollen Bildern einer fast paradiesischen Natur im Süden Chiles, im Meer, bei den Eiswüsten der Antarktis. Er betört den Zuschauer zunächst mit einer Ode über die Rätsel des Wassers, aus dem die Menschen, die Erde, der gesamte Kosmos zu großen Teilen bestehen. Er filmt naturgeschaffene Eisskulpturen, die surreale Landschaft des patagonischen Insellabyrinths, tanzende Regentropfen, Gischt auf der Brandung.
Untermalt werden die Bilder durch Geräusche, Musik und Guzmáns warmer, eindringlicher Erzählerstimme. Man rutscht tiefer in den Sessel und genießt entspannt diese unglaublich schönen Naturaufnahmen.
Doch die Reise geht in eine andere Zeit, weg von der Natur hin zur Ausrottung der Wasservölker, die einst diese Gegend bevölkerten, bevor europäische Eroberer ihnen ihre Religion und Zivilisation aufzwangen und Krankheiten importierten, an denen sie starben.
In historischen Fotoaufnahmen zeigt Guzmán den Reichtum dieser einstigen Kultur, zeigt ihre Wassertänze und Körperbemalungen. Einen von ihnen nahmen die Engländer damals mit nach London, ein Experiment, weil sie wissen wollten, wie es einem Indio ergeht, wenn er in seine Stammesgemeinschaft zurückgebracht wird, nachdem er die westliche Zivilisation kennengelernt hat.
Sie kauften ihn für einen Butón de Nácar, einen Perlmuttknopf. Er kehrte nie wirklich zurück in die Gemeinschaft, blieb zeitlebens ein Außenseiter.
Szenenwechsel. Ein anderer Perlmuttknopf findet sich. Diesmal vor der Küste von Quintero, an einer Eisenbahnschiene, unten im Meer, verwachsen mit Korallen. Einziges Zeugnis der über tausend Toten, die Augusto Pinochets Armee aus Hubschraubern ins Meer werfen ließ.
Der 1973 nur selbst dem Militärputsch und damit auch Pinochets Schergen entkommene Patricio Guzmán lässt für seinen Film an einer Puppe minutiös demonstrieren, wie die Toten mit Eisenbahnschienen beschwert und verpackt in Plastik- und Stoffsäcke ins Meer geworfen wurden. Er geht der Geschichte einiger von ihnen nach, namenlos sollen sie nicht bleiben.
Patricio Guzmán, der 1973 selbst zwei Wochen im Stadion von Santiago gefangen gehalten wurde, weiß wovon er spricht. Er lebt im Exil und wird nicht müde, die verdrängte Geschichte seines Landes und der Folteropfer des Pinochet-Putsches immer wieder ans Licht zu bringen. Es ist eine unvorstellbar grausame Geschichte. Die Täter wurden nie bestraft, viele Angehörige wissen bis heute nicht, wo die Vermissten geblieben sind. Nur ein Perlmuttknopf im Museum erinnert an sie.
(Dezember 2015)
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