Herr von Bohlen

2015
Rezension zu Herr von Bohlen
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Verhinderter Krupp-Alleinerbe, reichster Frührentner der Bundesrepublik - immer gepudert, getuschte Wimpern: Arndt von Bohlen und Halbach geisterte in den 60ern und 70ern als Paradiesvogel aus dem Kanonenimperium durch die Klatschgazetten. Er führte ein vermeintlich schillerndes Leben zwischen New York und Marrakesch, Sylt und Münchnen. Der »letzte Krupp«, der nach dem Erbverzicht nicht einmal mehr den Familienname tragen durfte, hatte schnell seinen Ruf weg: Unfruchtbar, unproduktiv, degeneriert. Filmemacher André Schäfer (u.a. »Deutschboden«, »Perry Rhodan - Unser Mann im All«) erzählt in seinem Film »Herr von Bohlen« die Geschichte eines konfliktbeladenen Menschen hinter der medialen Fassade.

Die »Werte« aus der Zeit, als die Firma Krupp bestens mit den Nazis kooperierte, funktionierten im deutschen Wirtschaftsmärchen noch bestens. Arndt von Bohlen galt in der breiten Öffentlichkeit als das personifizierte Versagen. Verschwenderisch, verweichlicht, das Gegenteil von hartem Krupp-Stahl. Eine jährliche Zahlung von rund 2 Millionen Mark sicherte sein Auskommen. Die erhielt er, weil er auf Betreiben des Vaters und der Firmenlenker auf das Alleinerbe verzichtete. Damit war der Weg frei, um die Firma in eine Stiftung umzuwandeln, Kredite und den Fortbestand des Unternehmens auch nach dem Tod von Vater Alfried zu sichern. Praktischerweise war so auch keine Erbschaftssteuer mehr fällig.

Eine Opferung. Denn Internate, das Volks-, Betriebswirtschafts- und Jurastudium in Freiburg und München sowie Praktika in Vaters Firma bereiteten Arndt zunächst auf die zukünftige Rolle vor. Es ist ein Leben auf der Flucht vor Schmerz und Einsamkeit, das Regisseur André Schäfer verfilmt hat. Für seinen ungewöhnlichen Dokumentarfilm bedient er sich auch der Fiktion. Eine Art Mockumentary. Schauspieler Arnd Klawitter verkörpert im Film Arndt von Bohlen, den ein Reporter nun im Jahr 1978 begleitet. Klawitter hat gesammelte Originalzitate Arndt von Bohlens verinnerlicht, die er in Interviewszenen frei wiedergibt. Sogar das Casting der Figur von Bohlens ist zu Beginn des Films zu sehen. Diese Authentizität vermittelt einen unmittelbar dokumentarischen Eindruck. Und: Ein Schauspieler mimt einen Schauspieler. Die tiefe Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe ist es, die diesen Beruf trägt - und den realen Arndt von Bohlen.

In der Münchener Schickeria fand er eine Geborgenheit, die ihm zuhause in Essen verwehrt blieb. »Ich war nicht willkommen - nicht in der Firma und nicht in der Familie», sagt von Bohlen alias Klawitter im Film. Jünglinge, ein Rolls-Royce, mit dem er sich durch München chauffieren lässt, Dutzende Schönheitsoperationen, eine Vernunftehe mit der österreichischen Adeligen Hetti von Auersperg, eine Yacht in Frankreich, Luxusimmobilien rund um die Welt - Versuche, der eigenen Familie und dem inneren Schmerz zu entkommen. Stets beäugt von der Öffentlichkeit. Zwischen die gespielten Szenen streut Schäfer reale Interviews. Noch lebende Verwandte mochten sich für den Film allerdings nicht zu ihm äußern, ehemalige Liebhaber ungeoutet bleiben. Ehefrau von Auersperg hat die Mitarbeit an Schäfers Filmprojekt nach langem Hin und Her abgesagt. Zu Wort kommen der Maler Waske, der Klatschreporter Michael Graeter, die Inhaber des Münchener Restaurants »Grüne Gans«, von Bohlens Büromitarbeiterin Gabriele Frederking und Nachlassverwalter Holger Lippert. Fakten statt Gerüchte: Man merkt nicht nur Lippert an, dass ihm die Ehrenrettung von Bohlens am Herzen liegt.

Arndt von Bohlen und Halbachs Geld lockte viele, außerdem spendete er große Summen an Hilfsprojekte. »Ich habe geerbt, ich habe dafür nicht sonderlich gearbeitet«, sagt der echte von Bohlen in einem Originalzitat im Film. Der ausufernde Lebenswandel, Rechtsstreitigkeiten und jährliche Schwankungen der Auszahlungen brachten ihn allerdings auch schon an den Rand des finanziellen Ruins. 1986 stirbt er in München an Mundbodenkrebs - mit nur 48 Jahren. André Schäfer gelingt in einem halbfiktiven Jetset-Portrait der zweite Blick auf den Menschen von Bohlen. Und damit auf ein Firmenimperium, dass die deutsche Wirtschaftsgeschichte bis heute mit prägt.

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Kinostart:19.11.2015 in Deutschland
weitere Titel:
Herr von Bohlen
Genre:Dokumentarfilm
Herstellungsland:Deutschland
Originalsprache:Deutsch
IMDB: 35
Regie:André Schäfer
Drehbuch:André Schäfer
Kamera:Andy Lehmann
Schnitt:Fritz Busse
Musik:Ritchie Staringer
Darsteller:Arnd Klawitter
Arne Gottschling
Roberto Blanco
Adolf Hitler
Gina Lollobrigida
Rudolph Moshammer
Arnold Schwarzenegger
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Datenstand: 21.09.2019 01:23:43Uhr