Der Clown

2016
Rezension zu Der Clown
Thomas Schneider
Thomas Schneider
Online-Redakteur im Haus des Dokumentarfilms

Das Jahr 2016 ist noch jung, doch es hat seinen ersten dokumentarischen Höhepunkt bereits erlebt: Eric Friedlers Dokumentarfilm »Der Clown« sollte jeder gesehen habe, der sich auch nur ansatzweise für den Film und speziell fürs Dokumentarische interessiert. Doch wieso das nicht so war und wieso sich das auch nicht so leicht wiederholen lässt, muss man erst einmal erklären. Immerhin war es endlich mal »ein langer Dokumentarfilm zur besten Sendezeit im Ersten« - wie es von den Programmverantwortlichen immer wieder gefordert wird.

Es kommt selten vor, das im Ersten ein fast zweistündiger Dokumentarfilm zu einer Zeit gesendet wird, die man noch mit »am Abend« bezeichnen würde. Mit Forderungen, solche begehrten, weil publikumsstarken Sendeplätze öfter mit langen Dokumentarfilmen zu besetzen, werden die Programmgestalter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens regelmäßig konfrontiert. Erst vor wenigen Tagen hatte zum Beispiel die AG Dokumentarfilm Südwest in einem Positionspapier unter anderem gefordert: »...zusätzlich zu den derzeit existierenden Programmangeboten einen unformatierten Sendeplatz für den langen Dokumentarfilm ... zu schaffen«.

So gesehen haben der NDR und das Erste am Mittwochabend alles richtig gemacht. Direkt nach den Tagesthemen setzen sie einen a.) dokumentarischen, einen b.) langen und eine c.) höchst sehenswerten Film ins Programm. Konkret: Eric Friedlers »Der Clown«. Darin erzählt der beim NDR beschäftigte Filmemacher die Geschichte eines Film-Phantoms. Im Jahre 1972 drehte der US-Filmkomiker Jerry Lewis in Schweden einen Film, der bis heute nicht öffentlich gezeigt wurde: »The Day The Clown Cried«. Die Suche nach diesem Phantom führte Friedler mehr als 40 Jahre nach den damals kurz vor Drehende abgebrochenen Filmaufnahmen unter anderem an den Drehort in Schweden, nach Las Vegas zu dem fast 90 Jahre alten Jerry Lewis und tief hinein in eine hoch emotionale Geschichte.

Ein Dokumentarfilm also, den man gesehen haben muss! Ohne Punkt, sondern mit Ausrufezeichen! Die Wette darauf, dass »Der Clown« 2017 in der Nachbetrachtung wenigstens mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet werden wird, gilt schon heute als todsicher.

Friedler löst nicht nur ein Rätsel, das viele Filmfans lange beschäftigt hat, ihm gelingt sogar eine besondere Form der Wiedergutmachung. Gemeinsam mit Schauspielern, die damals vor 40 Jahren an dem Film mitwirkten, inszeniert er einige wichtige Szenen neu und kombiniert diese mit Filmmaterial aus dem nie veröffentlichten Werk. Das ist ein Scoop, wie man in der Medienbranche gerne sagt. Oder allgemeinverständlicher: ein Aufreger, ein Hingucker.

Apropos Hingucker. So viele waren es dann doch nicht: knapp 800.000 Zuschauer bei rund 5,7 Prozent Marktanteil zählten die eifrigen Quotenzähler. Rund eine Million waren es zeitgleich (die ersten 30 Minuten) bei ZDFzoom und (anschließend) bei Markus Lanz waren es auch rund doppelt so viele. Beim NDR war man am Tag danach dennoch zufrieden. Für die Sendezeit und einen so langen Film sei das ein gutes Ergebnis.

Eines, das sich allerdings nicht mehr durch Mediatheken-Klicks steigern lässt, denn »Der Clown« kann »aus rechtlichen Gründen« nicht online präsentiert werden. Für den (bisher) wichtigsten TV-Dokumentarfilm des Jahres ist das natürlich wirklich schade. Andererseits: gerade weil es Eric Friedler gelang, unveröffentlichtes Material aus »The Day the Crown Cried« in seinen Film »zu schmuggeln«, hat er ja diese Brisanz.

Eine kleine Chance sieht man beim NDR übrigens, dass der Film rund um den 90. Geburtstag von Jerry Lewis im März in einem der Regionalprogramme der ARD wiederholt wird. Wir würden es nicht als Forderung formulieren, sondern als eine reine Vernunftsentscheidung.

So lange hat der Clown geschwiegen, nun lasst ihn weinen.

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Kinostart:03.02.2016 in Deutschland
weitere Titel:
Der Clown
Genre:Dokumentarfilm
Herstellungsland:Deutschland
Originalsprache:Deutsch, Englisch, Französisch, Schwedisch
IMDB: 70
Regie:Eric Friedler
Drehbuch:Eric Friedler
Darsteller:Pierre Étaix
Fredrik Ohlsson
Lars Lind
Jonas Bergström
Nils Eklund
Tomas Bolme
Hans Klinga
Jean-Jacques Beineix
Jan Kotschack
Rune Hjelm
Claude Lanzmann
Harry Shearer
Hans Crispin
Andreas Kilb
Daniel Kothenschulte
Jerry Lewis
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Rezensionen:

2017
Adolf Grimme Awards, Germany
Adolf Grimme Award
Documentary/Cultural
Nominiert
Datenstand: 21.10.2019 18:25:07Uhr